
Blauer Himmel, wieder Temperaturen von 3 Grad trotz des verschobenen Starts auf 9:00 Uhr. Es ist also bitterkalt als wir uns zum Start registrieren lassen. Da hilft auch Matty nicht weiter, der die offizielle Transalpine Hymne „Keep on Running“ live vor den fast 500 Startern zum Besten gibt. Und Matty gibt richtig Gas, hängt sich rein in seinen Song, wie wir uns später die Berge hochquälen und schafft es doch, fast alle Hände zum rhythmischen Mitklatschen zu bewegen. Am gestrigen Abend hat nach der Pasta Party die Halle getobt, als Matty zum ersten Mal überhaupt seinen Song live gesungen hat. Mit dem Startschuss stehen und fast 40 Kilometer bevor, dazu müssen zwei Berge überwunden werden. Eigentlich gehen wir optimistisch ins Rennen, aber die vergangene schlaflose Nacht sitzt uns genauso in den Knochen wie die Anstrengungen der vergangenen drei Tage. Die ersten zehn Kilometer laufen wir auf einer Forststraße. Wir sind richtig gut unterwegs, kommen sogar in einen angenehmen Laufrhythmus. Die Anstiege gehen wir natürlich hoch, die Kräfte müssen wohldosiert werden. Es warten noch zahlreiche Höhenmeter auf uns. Die Jamtalhütte beherbergt die erste Verpflegungsstelle. Wir sind 90 Minuten unterwegs und liegen eine halbe Stunde vor dem Zeitlimit. Schnell stopfen wir uns mit Bananen und Riegel voll, schütten mit Iso nach und machen uns an den Aufstieg zum Futschölpass auf 2768 Meter. Der Aufstieg gestaltet sich technisch nicht ganz so anspruchsvoll wie auf den letzten Etappen. Keine seilversicherte Passage, dafür ein steiler Anstieg über Geröll. Erst wenn man oben steht, kann man nachvollziehen, wofür man sich hier quält. Das Panorama ist einfach fantastisch. Nur Berge, keine Zivilisation, nur ein paar verrückte Läufer, die mit Rucksäcken bewaffnet Gipfel stürmen. Vom Futschölpass stürzen wir uns wieder in die Tiefe. Es geht hinab bis auf 1900 Meter. Wieder gibt es zahlreiche Möglichkeiten, in den Laufschritt zu fallen, was wir auch tun. So kommen wir relativ zügig vorwärts. Doch dann zweigt die rote Markierung von dem angenehmen Weg wieder ab und es geht wieder bergauf. Die nächste Verpflegungsstelle befindet sich auf 2200 Meter. Jetzt wird es zäh. Der Weg schlängelt sich dahin, die Sonne brennt vom Himmel und die Verpflegungsstelle kommt einfach nicht in Sicht. Dann endlich nach 4:30h erreichen wir die Labestation. Wir bereiten uns hier nun auf den Aufstieg zum zweiten Gipfel vor. Der Piz Clunas auf 2793 Meter ist das Ziel. Wir sind beide schon ziemlich am Ende, gehen langsam bergauf und überholen sogar noch andere Teams, obwohl wir schleichen wie die Schnecken. Auf dem Gipfelgrat angekommen müssen wir noch eine kleine Klettertour auf den Gipfel vornehmen. Mal wieder auf allen vieren, anders würden wir hier nicht mehr hoch kommen. Genau so steil geht es bergab. Wir trauen uns nicht, hinunter ins Tal zu sehen, es ist einfach nur steil. Mühsam quälen wir uns hinab. Jetzt bloß nicht ausrutschen, keine Verletzung riskieren. Gritts Arm ist schon blau und grün und dick, ich bin schon einmal umgeknickt und habe mir dabei das Knie verdreht. Wie sagt unser Trainer Ralf immer: Schmerz vergeht, Ruhm besteht. Nach 7:08 erreichen wir 6 Kilometer vor dem Ziel die letzte Verpflegungsstation. Acht Minuten über dem angepeilten Zeitlimit, aber die sind heute aufgrund des sensationellen Wetters ohnehin obsolet. Jetzt geht es nur noch die Skiabfahrt hinunter und dann sind wir endlich in Scuol. Knapp über acht Stunden haben wir für diese Königsetappe gebraucht. Im Ziel sind wir einfach nur glücklich. Morgen ist mit dem Bergsprint quasi Ruhetag. Zeit, auszuschlafen, die Füße hoch zu legen und die Wunden zu pflegen. Die Hälfte haben wir unter uns. Was soll uns jetzt noch aufhalten?
mehr...