7. Etappe: Mals – Schlanders, 35,5 Kilometer, 2145 Höhenmeter

Geschafft
„Rappenscharte is waiting“ hallt mir noch immer der Slogan von Sprecher Sven vom vorletzten Jahr an der ersten Verpflegung im Ohr. Die Rappenscharte auf 3012 Metern ist der höchste Punkt der Westroute und es ist ein verflixter Berg mit einem verflixten Anstieg. Gut, dass mir das entfallen war. Am Morgen ärgere ich mich erst einmal darüber, dass ich zu warm angezogen bin. Eine warme gefütterte ¾ Hose und zwei Langarmshirts sind bei unerwarteten Temperaturen von 10 Grad am morgen definitiv ein bischen dick aufgetragen. Aber immer noch kein Grund sich zu ärgern, es gibt wesentlich schlimmere Dinge. Zum Beispiel die Frage, ob Gritt fit genug ist, sich der heutigen Herausforderung zu stellen. Aber nach einer weiteren schlaflosen Nacht liegen auch meine nerven blank. Nur gut, dass es endlich losgeht. Der Weg schlängelt sich nach dem neutralisierten Start entlang der typischen Südtiroler Obstwiesen. Schon nach ein paar Kilometern liegt das Tal unter uns. Am Anfang ist das Ganze noch angenehm, doch dann werden wir auf einem schmalen Weg entlang einer Almwiese geleitet. Das macht mir keinen Spaß. Stellenweise ist es rutschig und man findet keinen vernünftigen Rhythmus. Mal muss man gehen, weil es doch zu steil oder zu schmal wird, dann kann man wieder ein paar Meter rennen. Irgendwann sind wir dann wieder auf Asphalt unterwegs, passieren ein kleines Dorf und schon hören wir Sven, der am ersten Verpflegungspunkt noch für Party sorgt. Dann beginnt der gnadenlose Aufstieg zur Rappenscharte durch wegloses Gelände. Natürlich ist die Strecke bestens markiert, aber genauso gut könnte man sich gleich den Steilhang hochquälen, lägen da nicht die vielen losen Steine. A propos Steine, davon sollten wir heute wirklich genug zu sehen und zu spüren bekommen. Große Steine, kleine Steine, lose Steine, nach dem Hochplateau, das wir für eine kurze Verschnaufpause nutzen, begegnen sie uns und begleiten uns bis zum Gipfel. Aufgrund der bisherigen Anstrengung ist mein Gleichgewichtssinn nicht mehr das beste und ich finde keinen guten Halt auf den Felsbrocken, die uns im Weg liegen. Gritt stellt sich da schon wesentlich geschickter an. Immer wieder erarbeitet sie sich einen Vorsprung, den ich kaum aufholen kann. Nach den Felsbrocken kommt Geröll. Man macht einen Schritt vorwärts und rutscht gleich wieder zurück. Es ist so steil, dass wir praktisch senkrecht zum Berg stehen. Stehen bleiben ist natürlich ziemlich fatal, denn dann rutscht man gleich wieder ein hart erkämpftes Stück zurück. So geht es langsam vorwärts und endlich kommt Land in Sicht. Die Scharte ist erreicht. Ein schmaler Grat, ein kurzer Blick in die Ferne zeigt Nebelschwaden und Regenwolken. Also nichts wie runter. So steil wie es hoch ging, geht es auch wieder hinunter. Während ich mich hinunter stürze und mehr rutsche als laufe, macht Gritt ein wenig langsamer. Dafür ist sie weiter unten wieder schneller. Jeder Stein ist für mich eine potentielle Stolperfalle. Genau im Zeitlimit erreichen wir die letzte  Verpflegungsstelle.  Die nächsten 1400 Höhenmeter geht es über Forststraßen und eine Rodelbahn hinab ins Tal nach Schlanders. Es ist so steil, dass die Sehnen knirschen und die Knie schreien. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. 2000 Meter vor dem Ziel befinden wir uns wieder auf asphaltiertem Grund und laufen dem Ziel entgegen. Noch ein paar Schlenker durch Schlanders und wir sind nach knapp über 7:30h im Ziel. Jetzt trennen uns nur noch 29 Kilometer vom Ziel in Latsch und dem Finisher T-Shirt. Und wenn ich Gritt morgen über den Berg tragen muss, wir werden das Ding jetzt nach Hause laufen.


 
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