Letzte Etappe: Niederdorf im Pustertal – Sexten, 33,88 Kilometer, 2120 Höhenmeter


Unser letzter Etappentag fängt suboptimal an. Das für halb sieben bestellte Frühstück ist nicht fertig. Glücklicherweise hat Gritt vorgesorgt und wir zwängen uns zwei Riesenbrötchen rein. Schon der Morgen verspricht tolles Wetter. Unsere Laune am Start zur letzten Etappe verspricht ebenfalls einen gelungenen Tag. Natürlich schmerzt die komplette Muskulatur, aber 34 Kilometer sitzen wir doch auf einer Pobacke ab. Von wegen!! Die letzte Etappe hat es in sich. Wir laufen um acht Uhr los, immer mit der Meute mit. Ein idyllischer Radweg führt uns an einem schönen See vorbei, über den sich der Nebel wölbt. Nach rund 10 Kilometern überqueren wir eine Straße und erreichen nach rund 1:04 Stunde den ersten Verpflegungspunkt. Bis hierher läuft eigentlich alles DSCF0183nach Plan, wenn die eingeschobenen Gehpausen nicht wären, die ich einfach machen muss. Heute bin ich einfach leer. Die Luft ist ok, aber die Muskulatur möchte nicht mehr arbeiten. Es folgt der Anstieg zur Lückelescharte auf 2545 Meter. Wie schon gewohnt schlängelt sich der Weg zunächst sehr steil durch ein Waldstück. Oben wird das Grün schließlich weniger, zumindest keine schattenspendenden Bäume mehr. Wir befinden uns auf einem Hochplateau bevor es über Geröll zum richtigen und letzten Anstieg kommt. Schon bis zum Hochplateau habe ich massive Probleme. So langsam geht es wieder ein wenig besser und der Anstieg zur Scharte verläuft besser als gedacht, wenn auch sehr langsam. Einige Teams überholen mich und als ich wegrutsche und im steilen Geröllhang keine Tritt finde, trampelt man einfach mal über mich hinüber. Die Abenteurer hier haben es eilig und Solidarität oder Hilfe spielt angesichts des Kampfes um Platzierungen keine Rolle. Daniel stapft vorne weg und wartet am höchsten Punkt, den auch ich bald atemlos erreiche. Dann geht es erst einmal genau so steil über ein Geröllfeld hinab. 500 Höhenmeter im Blindflug, auf dem wir wieder einige Teams überholen, um wenig später wieder auf 2466 hoch zu klettern. Ich bin außer Atem und kraftlos und wanke den wunderschönen Höhenweg weiter. Der Wind pfeift uns um die Ohren, aber ich bin nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Schritt für Schritt dem Ziel entgegen. Schließlich erreichen wir eine seilgesicherte Passage, kurze Rast, weil Wandertouristen die Engstelle einfach mal versperren. „Gehen sie doch einfach mal zur Seite, sonst holen wir uns hier alle eine Lungenentzündung“ höre ich Daniel. Ich klettere an einer wohl beleibten Dame vorbei, doch meine Hoffnung damit den höchsten Punkt erreicht zu haben wird enttäuscht. Weiter hoch schlängelt sich der schmale Pfad. Aber selbst in meinem miserablen Zustand kann ich das Panorama genießen. Die drei Zinnen erheben sich vor uns und werden von der mittäglichen Sonne angestrahlt. Immer wieder werde ich überholt, weil mein Körper nicht mehr funktioniert. „Harald, willst Du vielleicht ein Gel oder ein Powerbar, dann geht es Dir besser“ bietet mir eine Mitstreiterin an, der wohl mein torkelnder Gang aufgefallen ist. Dankend nehme ich an und damit schaffe ich es bir zur Dreizinnenhütte, wo die zweite Verpflegung auf uns wartet. Essen kann ich nichts, ein Gel, ein paar Becher Powerbar und dann mache ich mich an den Abstieg. Daniel hat sich, mehr Zeit gelassen, aber der holt mich sowieso schon bald wieder ein. Jetzt geht es nur noch bergab. Auf den steinigen und abschüssigen Passagen überholen wir wieder Teams, was mir Mut macht. Daniel springt wie ein Bergfloh hinab, wartet und hüpft zum Erstaunen der Konkurrenz in einem wahnsinnigen Tempo einfach weiter, um wieder auf mich zu warten. So vergeht Kilometer um Kilometer und die letzte Verpflegungsstelle ist bald erreicht. „Nur noch sechs Kilometer“ werden wir begrüßt, aber ich kann nicht mehr gerade stehen und torkele mit Melone und Getränk einfach der Forststraße weiter.  In meinem Marathonschlappschritt versuche ich keine Gehpausen zu machen, ist ja auch sinnlos so kurz vor dem Ziel. Daniel ist immer 50 Meter voraus, was mich auf der einen Seite frustriert, aber auch sehr motiviert trotz aller Schmerzen und Kreislaufprobleme einfach in meinem Tempo weiter zu laufen. Die Anfeuerungsversuche der Passanten prallen in meinem Laufnebel einfach ab. „Noch ein Kilometer“ sehe ich den Streckenposten vor mir und ich laufe einfach weiter. Ein Kilometer von knappen 300. Daniel feuert mich noch einmal an und dann erreichen wir unter lautem Jubel von Zuschauern den Zielkanal. Gritt drückt Daniel eine Flasche Sekt in die Hand und mit Sektdusche überqueren wir die Ziellinie. Glücklich liegen wir uns in den Armen, nehmen die Medaille in Empfang und freuen uns einfach über die vielen Gratulanten. Nach einem Liter Cola geht’s auch dem Kreislauf wieder besser und jetzt werden wir noch einmal richtig Gas geben. Heute abend auf der Finisher-Party werden wir feiern. Es war eine harte Tour und wir können nur davon abraten, den Transalpine Run auf die leichte Schulter zu nehmen. Es ist ein hartes Rennen mit einer hohen Ausfallquote. Ich habe es zum dritten Mal geschafft, Daniel feiert seine Premiere und wird wohl nicht mehr am Start stehen. Jetzt hat unser Tagebuch ein Ende, unser Lauf auch und wir sind es jetzt erst einmal auch. Goodbye und Keep on Running!

 

Harald und Daniel
 
 
 
 
 
polar
 
 
 
 

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