Fein wie Staub senkt sich der Niesel hinab auf die Meute am Start. Der Boden ist trocken, die Luft feucht. Die Beine sind bleischwer und die Zeit bis zum Startschuss vergeht nur zäh. Gritt ist die Anstrengung der letzten zwei Läufeins Gesicht geschrieben, aber auch ich fühle mich müde und träge. Doch dann fällt der Startschuss und in die circa 200 Teilnehmer am Bosenberg-Trail kommt Bewegung. Vorne weg stürmen die Führenden in ihren Leader-Trikots, dannfolgen die ambitionierten Läufer und fast am Schluss folgen wir. Ein paar Meter laufe ich mit Gritt zusammen, bis sie mir ein Zeichen gibt und ich mich davonstehlen soll. Langsam forciere ich mein Tempo und schon am ersten Hügel sammel ich die ersten wieder ein. Aber Vorsicht ist geboten: Die heutige Strecke ist zwar kürzer, allerdings mit 650 Höhenmeter nicht weniger anspruchsvoll als der gestrige Kurs. Die ersten drei Kilometer sind identisch. Da weiß man schon, wo der Fuß auf dem verschlammten Weg den besten Grip findet. Doch dann ist erst einmal nichts wie gestern, dafür noch einmal eine Spur schöner. Hexen, Feen und Gnome mögen das Treiben der Läuferschar im dichten Blätterwerk verfolgen, zu sehen sind sie für uns nicht. Dichter Nebel verstärkt den Zauber, der uns auf den nächsten Kilometern verfolgt. Kraftreserven müssen mobilisiert werden, um die steilen Anstiege zu bewältigen. Genau so steil geht es hinab, mal auf schmalen, grasbewachsenen Pfaden, mal quer durch dichte Wälder über gefallene Blätter und Äste. Ich lasse auch bergab große Vorsicht walten. Aus Angst vor Verletzungen reduziere ich das Tempo, lasse mich wieder überholen und manchmal stakse ich etwas unbeholfen über den Trail. Die steilen Stufen haben es mir sowohl hinauf als auch hinab angetan und so werde ich auf den schmalen, anspruchvolleren Trails von den Hintermännern überholt, die ich hinauf wieder einhole. Insgesamt macht die Strecke noch mehr Spaß als gestern. Mir kommt sie nicht so anspruchsvoll vor, aber möglicherweise ist das lediglich dem Gewohnheitsaspekt zu verdanken. Möglicherweise hat auch die gestrige Massage bewirkt, dass die Beine mit zunehmenden Kilometern lockerer werden. Gut, nach hinten raus fehlt es dann wieder an der Tempohärte, aber so genieße ich die letzten Kilometer durchs Dickicht, bevor es wieder auf die Straße Richtung Ziel geht. 2.05h benötige ich für das heutige Trailerlebnis. Im Ziel herrscht Partystimmung, natürlich insbesondere dem Kommentar von Sprecher Sven zu verdanken. Am Buffet gibt es eine ausreichende Auswahl an Getränken und Leckereien und nach Auffüllen des Flüssigkeitshaushalt will ich schnell unter die Dusche, um dann frisch gesäubert Gritt im Ziel
begrüßen zu können. Doch die Zwischenzeiten von Gritt zeigen, dass sie auch gleich ins Ziel laufen müsste. Also friere ich noch zehn Minuten vor mich hin und da kommt sie auch schon auf die Zielgerade eingebogen und freut sichwie ein Schneekönig, das Ziel in einer Zeit von 2:27h erreicht zu haben. Und schon wieder ist alles vorbei. Fast, denn noch fehlt uns das Finisher-Shirt, das es bei der Akkreditierung gibt. Also gibt es eine schnelle heiße Dusche, ab zum Saalbau und schon streifen wir uns das verdiente Shirt über. Der Jahreszeit angepasst ein Langarmshirt, in dem man sich auch mal abends unter Menschen trauen kann. Oder für´s Büro, mit dem typischen Blick: Schaut mal, was ihr verpasst habt. Wir sind noch rechtzeitig ins Shirt gehüpft, um auf die Bühne zu hasten, auf der sich zum Abschiedsfoto alle Finisher
versammelt haben. Erst dann vergnügen wir uns mit Pasta, Pommes und Grillgut vom Feinsten und Fachsimpeln über die Premiere einer Veranstaltung, die viel mehr Teilnehmer verdient hätte. Aber was noch auf sich warten ließ, wirdvielleicht im nächsten Jahr ein Höhepunkt in vieler Läufer Laufkalender. Es lohnt sich. Am Nachmittag brechen wir zur Heimreise auf und denken noch lange an die Märchengestalten, die uns auf unseren Trails begleitet haben. Zumindest in Gedanken.
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