8. Etappe: Schlanders – Latsch,
7. Etappe: Mals – Schlanders, 35,5 Kilometer, 2145 Höhenmeter
„Rappenscharte is waiting“ hallt mir noch immer der Slogan von Sprecher Sven vom vorletzten Jahr an der ersten Verpflegung im Ohr. Die Rappenscharte auf 3012 Metern ist der höchste Punkt der Westroute und es ist ein verflixter Berg mit einem verflixten Anstieg. Gut, dass mir das entfallen war. Am Morgen ärgere ich mich erst einmal darüber, dass ich zu warm angezogen bin. Eine warme gefütterte ¾ Hose und zwei Langarmshirts sind bei unerwarteten Temperaturen von 10 Grad am morgen definitiv ein bischen dick aufgetragen. Aber immer noch kein Grund sich zu ärgern, es gibt wesentlich schlimmere Dinge. Zum Beispiel die Frage, ob Gritt fit genug ist, sich der heutigen Herausforderung zu stellen. Aber nach einer weiteren schlaflosen Nacht liegen auch meine nerven blank. Nur gut, dass es endlich losgeht. Der Weg schlängelt sich nach dem neutralisierten Start entlang der typischen Südtiroler Obstwiesen. Schon nach ein paar Kilometern liegt das Tal unter uns. Am Anfang ist das Ganze noch angenehm, doch dann werden wir auf einem schmalen Weg entlang einer Almwiese geleitet. Das macht mir keinen Spaß. Stellenweise ist es rutschig und man findet keinen vernünftigen Rhythmus. Mal muss man gehen, weil es doch zu steil oder zu schmal wird, dann kann man wieder ein paar Meter rennen. Irgendwann sind wir dann wieder auf Asphalt unterwegs, passieren ein kleines Dorf und schon hören wir Sven, der am ersten Verpflegungspunkt noch für Party sorgt. Dann beginnt der gnadenlose Aufstieg zur Rappenscharte durch wegloses Gelände. Natürlich ist die Strecke bestens markiert, aber genauso gut könnte man sich gleich den Steilhang hochquälen, lägen da nicht die vielen losen Steine. A propos Steine, davon sollten wir heute wirklich genug zu sehen und zu spüren bekommen. Große Steine, kleine Steine, lose Steine, nach dem Hochplateau, das wir für eine kurze Verschnaufpause nutzen, begegnen sie uns und begleiten uns bis zum Gipfel. Aufgrund der bisherigen Anstrengung ist mein Gleichgewichtssinn nicht mehr das beste und ich finde keinen guten Halt auf den Felsbrocken, die uns im Weg liegen. Gritt stellt sich da schon wesentlich geschickter an. Immer wieder erarbeitet sie sich einen Vorsprung, den ich kaum aufholen kann. Nach den Felsbrocken kommt Geröll. Man macht einen Schritt vorwärts und rutscht gleich wieder zurück. Es ist so steil, dass wir praktisch senkrecht zum Berg stehen. Stehen bleiben ist natürlich ziemlich fatal, denn dann rutscht man gleich wieder ein hart erkämpftes Stück zurück. So geht es langsam vorwärts und endlich kommt Land in Sicht. Die Scharte ist erreicht. Ein schmaler Grat, ein kurzer Blick in die Ferne zeigt Nebelschwaden und Regenwolken. Also nichts wie runter. So steil wie es hoch ging, geht es auch wieder hinunter. Während ich mich hinunter stürze und mehr rutsche als laufe, macht Gritt ein wenig langsamer. Dafür ist sie weiter unten wieder schneller. Jeder Stein ist für mich eine potentielle Stolperfalle. Genau im Zeitlimit erreichen wir die letzte Verpflegungsstelle. Die nächsten 1400 Höhenmeter geht es über Forststraßen und eine Rodelbahn hinab ins Tal nach Schlanders. Es ist so steil, dass die Sehnen knirschen und die Knie schreien. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. 2000 Meter vor dem Ziel befinden wir uns wieder auf asphaltiertem Grund und laufen dem Ziel entgegen. Noch ein paar Schlenker durch Schlanders und wir sind nach knapp über 7:30h im Ziel. Jetzt trennen uns nur noch 29 Kilometer vom Ziel in Latsch und dem Finisher T-Shirt. Und wenn ich Gritt morgen über den Berg tragen muss, wir werden das Ding jetzt nach Hause laufen.
6. Etappe: Scuol – Mals, 37,02 Kilometer, 1332 Höhenmeter
5. Etappe: Scuol – Bergsprint, 6,19 Kilometer, 936 Höhenmeter
Glanzleistung: 2. Etappe: Lech – St Anton, 24 Kilometer, 2040 Höhenmeter
anspruchsvoll. Ohne Seil ist man hier wohl hilflos, also hangeln wir uns hinab in die Tiefe. In der zerklüfteten Felslandschaft helfen die Stöcke nicht wirklich weiter. Glücklicherweise hatten wir sie rechtzeitig im Rucksack verstaut. Endlich erreichen wir die zweite Verpflegungsstation auf der Ulmer Hütte. Bis hier haben wir nur knapp über 5 Stunden gebraucht und jetzt sind es nur noch 6,1 Kilometer bis ins Ziel. Die 1000 Höhenmeter im Abstieg absolvieren wir zumeist auf einer breiten Forststraße oder über wunderschöne Wiesen. Gritt muss noch ein nettes Fohlen begrüßen, das uns neugierig anschaut. Dann geht es weiter hinunter. Wir machen langsam, denn momentan sind wir guter Dinge, morgen noch einmal gemeinsam am Start zu stehen. Ins Ziel kommen wir nach 6:08h, was für uns eine Super Zeit ist. Wir haben noch einige Teams hinter uns gelassen. Gritt hat zwar alles gegeben und ist am Abend ziemlich am Ende, aber ich hoffe, dass sie sich bis morgen früh einigermaßen erholt hat. Es wäre wichtig, die dritte Etappe im Zeitlimit zu absolvieren. Dann steht bräuchten wir keine Angst mehr vor einem vorzeitige Aus zu haben.1. Etappe: Oberstdorf – Lech, 35.03 Kilometer - 2543 Höhenmeter
Transalpine Run – das Intro
Letzte Etappe: Niederdorf im Pustertal – Sexten, 33,88 Kilometer, 2120 Höhenmeter
Unser letzter Etappentag fängt suboptimal an. Das für halb
sieben bestellte Frühstück ist nicht fertig. Glücklicherweise hat Gritt
vorgesorgt und wir zwängen uns zwei Riesenbrötchen rein. Schon der Morgen
verspricht tolles Wetter. Unsere Laune am Start zur letzten Etappe verspricht ebenfalls
einen gelungenen Tag. Natürlich schmerzt die komplette Muskulatur, aber 34
Kilometer sitzen wir doch auf einer Pobacke ab. Von wegen!! Die letzte Etappe
hat es in sich. Wir laufen um acht Uhr los, immer mit der Meute mit. Ein
idyllischer Radweg führt uns an einem schönen See vorbei, über den sich der
Nebel wölbt. Nach rund 10 Kilometern überqueren wir eine Straße und erreichen
nach rund 1:04 Stunde den ersten Verpflegungspunkt. Bis hierher läuft
eigentlich alles
nach Plan, wenn die eingeschobenen Gehpausen nicht wären, die
ich einfach machen muss. Heute bin ich einfach leer. Die Luft ist ok, aber die
Muskulatur möchte nicht mehr arbeiten. Es folgt der Anstieg zur Lückelescharte
auf 2545 Meter. Wie schon gewohnt schlängelt sich der Weg zunächst sehr steil
durch ein Waldstück. Oben wird das Grün schließlich weniger, zumindest keine
schattenspendenden Bäume mehr. Wir befinden uns auf einem Hochplateau bevor es
über Geröll zum richtigen und letzten Anstieg kommt. Schon bis zum Hochplateau
habe ich massive Probleme. So langsam geht es wieder ein wenig besser und der
Anstieg zur Scharte verläuft besser als gedacht, wenn auch sehr langsam. Einige
Teams überholen mich und als ich wegrutsche und im steilen Geröllhang keine
Tritt finde, trampelt man einfach mal über mich hinüber. Die Abenteurer hier
haben es eilig und Solidarität oder Hilfe spielt angesichts des Kampfes um
Platzierungen keine Rolle. Daniel stapft vorne weg und wartet am höchsten
Punkt, den auch ich bald atemlos erreiche. Dann geht es erst einmal genau so
steil über ein Geröllfeld hinab. 500 Höhenmeter im Blindflug, auf dem wir
wieder einige Teams überholen, um wenig später wieder auf 2466 hoch zu
klettern. Ich bin außer Atem und kraftlos und wanke den wunderschönen Höhenweg
weiter. Der Wind pfeift uns um die Ohren, aber ich bin nicht mehr in der Lage,
einen klaren Gedanken zu fassen. Schritt für Schritt dem Ziel entgegen.
Schließlich erreichen wir eine seilgesicherte Passage, kurze Rast, weil
Wandertouristen die Engstelle einfach mal versperren. „Gehen sie doch einfach
mal zur Seite, sonst holen wir uns hier alle eine Lungenentzündung“ höre ich
Daniel. Ich klettere an einer wohl beleibten Dame vorbei, doch meine Hoffnung
damit den höchsten Punkt erreicht zu haben wird enttäuscht. Weiter hoch
schlängelt sich der schmale Pfad. Aber selbst in meinem miserablen Zustand kann
ich das Panorama genießen. Die drei Zinnen erheben sich vor uns und werden von
der mittäglichen Sonne angestrahlt. Immer wieder werde ich überholt, weil mein
Körper nicht mehr funktioniert. „Harald, willst Du vielleicht ein Gel oder ein
Powerbar, dann geht es Dir besser“ bietet mir eine Mitstreiterin an, der wohl
mein torkelnder Gang aufgefallen ist. Dankend nehme ich an und damit schaffe
ich es bir zur Dreizinnenhütte, wo die zweite Verpflegung auf uns wartet. Essen
kann ich nichts, ein Gel, ein paar Becher Powerbar und dann mache ich mich an
den Abstieg. Daniel hat sich, mehr Zeit gelassen, aber der holt mich sowieso
schon bald wieder ein. Jetzt geht es nur noch bergab. Auf den steinigen und
abschüssigen Passagen überholen wir wieder Teams, was mir Mut macht. Daniel
springt wie ein Bergfloh hinab, wartet und hüpft zum Erstaunen der Konkurrenz
in einem wahnsinnigen Tempo einfach weiter, um wieder auf mich zu warten. So
vergeht Kilometer um Kilometer und die letzte Verpflegungsstelle ist bald
erreicht. „Nur noch sechs Kilometer“ werden wir begrüßt, aber ich kann nicht
mehr gerade stehen und torkele mit Melone und Getränk einfach der Forststraße
weiter. In meinem Marathonschlappschritt
versuche ich keine Gehpausen zu machen, ist ja auch sinnlos so kurz vor dem
Ziel. Daniel ist immer 50 Meter voraus, was mich auf der einen Seite
frustriert, aber auch sehr motiviert trotz aller Schmerzen und
Kreislaufprobleme einfach in meinem Tempo weiter zu laufen. Die
Anfeuerungsversuche der Passanten prallen in meinem Laufnebel einfach ab. „Noch
ein Kilometer“ sehe ich den Streckenposten vor mir und ich laufe einfach
weiter. Ein Kilometer von knappen 300. Daniel feuert mich noch einmal an und
dann erreichen wir unter lautem Jubel von Zuschauern den Zielkanal. Gritt
drückt Daniel eine Flasche Sekt in die Hand und mit Sektdusche überqueren wir
die Ziellinie. Glücklich liegen wir uns in den Armen, nehmen die Medaille in
Empfang und freuen uns einfach über die vielen Gratulanten. Nach einem Liter
Cola geht’s auch dem Kreislauf wieder besser und jetzt werden wir noch einmal
richtig Gas geben. Heute abend auf der Finisher-Party werden wir feiern. Es war
eine harte Tour und wir können nur davon abraten, den Transalpine Run auf die
leichte Schulter zu nehmen. Es ist ein hartes Rennen mit einer hohen
Ausfallquote. Ich habe es zum dritten Mal geschafft, Daniel feiert seine
Premiere und wird wohl nicht mehr am Start stehen. Jetzt hat unser Tagebuch ein
Ende, unser Lauf auch und wir sind es jetzt erst einmal auch. Goodbye und Keep
on Running!
7. Etappe: Antholz-Mittertal – Niederdorf, 34. Kilometer 1800 Höhenmeter
Harald und Daniel
6. Etappe – Sand in Taufers – Antholz – Mittertal 24,83Km – 1983 Hm
Wie Harald gestern bereits beschrieben hatte, war gestern
kein guter Tag für mich. Die Sanis haben mir ein Voltaren-Verband verpaßt und
mir noch zwei weitere Voltaren Tabletten
mitgegeben. Eigentlich bin ich kein Fan von sowas, aber der Sani hatte mir dazu
geraten.
Heute morgen dann gleich die Frage von Harald: „Und? Geht’s?“ Daniel: "Bestens!" Ich fühlte mich
wie ausgetauscht. Selbst meine Oberschenkel haben nicht mehr weh getan. Wie
ausgetauscht. Harald ging es auch heute nicht so gut. Weiterhin Probleme mit
dem Kreislauf und der Luft und dann ging es heute auch noch auf 2800 Meter
hoch.
Wir waren heute relativ knapp am Start, so dass wir uns wieder hinten einreihen
mussten, was nicht weiter schlimm war. So konnten wir die Etappe ruhig angehen
lassen. Die ersten drei Kilometer waren flach bevor es in die 12 Kilometer
lange Steigung hineinging. Immer mal wieder kleinere Passagen bergab, die zum Verschnaufen
genutzt wurden. Mir ging es heute wirklich sehr gut. Harald hatte mit jeden Meter
den es weiter hochging mehr mit der Luft zu kämpfen. Obwohl es ihm nicht so gut ging, konnte Harald
doch recht zügig hochstiefeln. Mittlerweile waren um uns herum nur noch Steine
zu sehen und es wurde kalt, da ein eiskalter Wind wehte. Wir machten eine kurze
Rast um uns unsere Windjacken über die herzfrequenz – Langarmshirts drüber zu
sehen. Diese Gelegenheit nutze „der“ Koreaner der uns bereits die letzten
Etappen aufgefallen ist. Er rennt immer mit seiner High-End Videokamera durch
das Starterfeld. Da wir da gerade standen, durfte ich gleich mal ein Interview
geben. Der Kerl ist echt der Wahnsinn… wenn der nicht soviel mit Filmen
beschäftigt wäre, wäre der weit vorne mit dabei. Es ging weiter, „nur noch 800
Höhenmeter“ rufe ich Harald zu, der inzwischen wieder mit mir reden kann. Wir
fangen wieder an ein bisschen rumzublödeln. So langsam mach ich mir Gedanken
über den Anstieg und mir kommen die Worte vom Harald und seine Gesicht vor dem
Start in den Sinn. Harald: „Ich habe Angst!“. Ich frage mich, wie wohl der
Abstieg aussieht, wenn bei dem Aufstieg nur Steine zu sehen sind. Wir wurden
bereits vorgewarnt und es wurde uns gesagt, dass es eine Passage geben wird,
bei der Überholen verboten ist. Ich war gespannt.
Kurz vor dem Gipfel wurde noch ein span. Team angehalten, da Sie immer noch ohne
Windschutz hochstapften. Wir laufen weiter. Es ist nicht mehr weit.
Oben
angekommen wartet auch schon die zweite Verpflegungsstation auf uns. Für die letzten sieben Kilometer brauchen wir
nicht mehr viel. Schnell ein Gel rein, mit Powerbar nachgespült und
weitergehts. Dann kam auch schon der Klettersteig, also die gefährliche Stelle.
Daniel: „Harald?“, Harald: „ Ja?“ Daniel: „Harald, das sind alles Stufen und
keine Steine! Und die Steine die da sind, sind alles deine Freund!“. Ich
versuchte Harald so gut wie möglich abzulenken, damit er nicht zuviel über das
Absteigen nachdenkt. Ich glaube es ist mir ein Stück weit gelungen. Harald zu dem Team hinter sich: „ Wollt‘ ihr
vorbei?... Ach ne! Dürft ihr ja gar nicht, sonst werdet ihr disqualifiziert!“
mit einem kleinen Lächeln auf dem Lippen. So ging es Stein für Stein herunter.
Wir mussten uns diesmal gar nicht verstecken. Uns haben vielleicht 7 oder 8
Teams überholt. Als es hielt sich in
Grenzen. Harald wieder noch zum Bergabläufer.
Daniel: „Harald?“ …. 21, 22…. Harald: „Ja?“, Daniel: „2 Sekunden“. Wir haben
gestern vereinbart, die Zeit des Schalls zu zählen, damit ich weiß wie weit
Harald hinter mir ist…. Das funktioniert voll gut…. schon klar. Ich feuer
Harald immer wieder an. „Es ist nicht mehr weit“ ruf ich zu ihm rüber. Wir
befinden uns bereits wieder auf einer asphaltierten Straße und man kann das
Ziel schon riechen. Nach 5:10h erreichen wir das Ziel. Die Freude ist groß!
Selbst Harald, der im Ziel wirklich noch nie gelacht hat, hat ein Lächeln im
Gesicht. 24Km und 5 Stunden. Das hätte ich nicht gedacht, aber bei 2000
Höhenmetern eigentlich nicht weiter verwunderlich.
Heute musste sich Harald von den Sanis aushelfen lassen. Schmerzen an beiden Fußgelenken.
Hoffen wir, dass es ihm so geht wir mir. Zwei Voltaren und alles ist wieder
gut.
Morgen wird es nochmal richtig, richtig hart. 42,195 Km mit 2788 Höhenmetern. Es
dürfte wohl wieder eine Etappe werden, bei der wir um die 8 oder 9 Stunden
unterwegs sind. Das heißt für uns: Schnell essen gehen und dann ab in die
Heia!


