Mein Freund und zweimaliger Transalpine-Run Teampartner Daniel benötigt keinen Berg, um in den Bergen zurecht zu kommen. Auch meine Liebste ist für mich ein Koordinations- und Gleichgewichtwunder, denn auch mit ihr absolvierte ich den Transalpine-Run und lief in schwierigen Passagen mehr hinterher als vorweg. Momentan überwiegen also die Selbstzweifel und die drohende Erhenntnis, dass ich mir mit dem Petite Trotte a Leon zuviel zumute. Als Bewegungslegastheniker sollte man vielleicht die Finger von Bergabenteuern lassen. Aber man möchte ja schließlich seine Ängste bekämpfen und am Ende siegen. Also hilft jetzt kein Gejammer, sondern Augen zu und durch, nicht kleckern, sondern klotzen und sich bloß nicht jetzt schon verrückt machen lassen. Nach dem harten Trainingswochenende gab es einen Tag Pause, dann wieder drei Mal Training. Das regelmäßige Laufen zwischen 70 und 90 Minuten ist Bewegungstherapie, auf extreme Belastungen kann man sich kaum vorbereiten. Der beste Trainer der Welt sagt immer, ein Rennen wird zu 70 bis 90 Prozent im Kopf entschieden. Da hat er Recht und das kann man trainieren. Insofern ist es gar nicht schlecht, das Wochenende in St. Wendel zu verbringen, sozusagen im Auftrag des Herrn. Es ist schon eine gewisse Krux, wenn man bei der führenden Agentur für Trailrunning-Events beschäftigt ist. Da kommt man bei den besten Vorbereitungsrennen nicht selber zum Laufen. So werde ich wohl auf den Zugspitz Ultratrail und auf die 4 Trails verzichten müssen. Aber jetzt am Wochenende gönne ich mir einen Marathon, übrigens den ersten in diesem Jahr. Wenn ich schon mal hier bin und Werbung für die tollsten Bergläufe machen darf, dann kann ich auch schon mal mitlaufen. Marathon eben, Asphalt treten, hat nichts mit den Bergen zu tun, aber für die mentale Stärke ein gutes Training. Die Zeit spielt natürlich keine, okay, sagen wir eine untergeordnete Rolle. Deutlich unter vier Stunden sollte es schon werden, aber was am Ende herauskommt, zeigt sich am Sonntag. Zumindest Spaß soll es machen und den Geist beflügeln. Die erste nennenswerte Trainingseinheit für den Kopf. Und der Körper hat ja auch was davon:-).
Der Ruf des weißen Berges
Ich habe ihn verflucht, stellenweise mich dafür gehasst und mir geschworen, nie mehr nach Chamonix zurück zu kehren und den UTMB als eine außergewöhnliche und wichtige Erfahrung in meiner Läufervita abzuspeichern. Trotz der erfolgreichen Teilnahme am UTMB 2009, wollte ich dem Mont Blanc für immer den Rücken zukehren. Doch dann kam Carsten und mit ihm nach der erfolgreichen Teilnahme am gax scania, einem Nontstop-Rennen von rund 260 Kilometer durch Schweden im letzten Jahr auch die Idee, es doch einmal gemeinsam beim PTL zu probieren. Nun ist es so weit und ich weiß nicht, ob die Freude oder die Angst überwiegt. Das Schicksal hat uns diesen Startplatz beschert und so werde ich wieder nach Chamonix reisen und Angesicht zu Angesicht den Mont Blanc ein weiteres Mal herausfordern. Dieses Mal unter noch extremeren Bedingungen. Der Veranstalter spricht von rund 300 Kilometern und 24.000 Höhenmetern bei einem Zeitlimit von 138 Stunden. Ob das zu schaffen ist? Ich habe keine Ahnung! Die Zweifel überwiegen, insbesondere weil ich mich bergab schwer tue und wirklich nicht der beste Kletterkünstler bin. Dem mögen die fünfmaligen Teilnahmen am Transalpine-Run widersprechen, aber das Gebirge rund um den Mont Blanc spricht eine andere Sprache. Während sich in meinem Hinterstübchen die Gedanken langsam mit dem PTL anfreunden, weiß mein zukünftiger Teamkollege noch nichts von der neuen Herausforderung. Carsten tummelt sich gerade im Off auf Skitour durch Lappland. Ich bin gespannt, was er dazu sagen wird. Mit dem PTL im Hinterkopf läuft es sich beschwerlicher. Regelmäßige Herausforderungen stärken das Bewusstsein. In diesem Sinne folgte eine Drei-Stunden-Einheit auf die Burg Frankenstein bei mittäglicher Frühsommerhitze. Gleich einmal das Dehydrieren geübt, denn irgendwie war zu wenig Wasser im Trinkrucksack. Übrigens ein Relikt aus UTMB-Trainingszeiten, der sich für lange Einheiten bestens eignet. Am Ostermontag folgte dann ein schneller 25er. Beim Osterlauf in Jügesheim hätte ich fast den Start verpasst, weil das große Startbanner für die zehn Kilometer-Strecke gedacht war. Die "Langstreckler" starteten an einem weißen Kreidestrich 150 Meter vom Banner entfernt. Brettflache Strecke durch´s nahe gelegene Waldgebiet, da ist die Zeit nicht so wichtig und trotzdem freute ich mich über 2:03 bei Hitze. Im Ziel wartete schon die Liebste, die in den Genuss kam, vor dem großen Startbanner die zehn Kilometer Strecke zu absolvieren. Der Rest des Tages war überwiegend von Müdigkeit geprägt und von einem langen Spaziergang mit den besten Hunden der Welt. Eine gutes Training im Angesichts des PTL.
8. Etappe: Schlanders – Latsch,
7. Etappe: Mals – Schlanders, 35,5 Kilometer, 2145 Höhenmeter
„Rappenscharte is waiting“ hallt mir noch immer der Slogan von Sprecher Sven vom vorletzten Jahr an der ersten Verpflegung im Ohr. Die Rappenscharte auf 3012 Metern ist der höchste Punkt der Westroute und es ist ein verflixter Berg mit einem verflixten Anstieg. Gut, dass mir das entfallen war. Am Morgen ärgere ich mich erst einmal darüber, dass ich zu warm angezogen bin. Eine warme gefütterte ¾ Hose und zwei Langarmshirts sind bei unerwarteten Temperaturen von 10 Grad am morgen definitiv ein bischen dick aufgetragen. Aber immer noch kein Grund sich zu ärgern, es gibt wesentlich schlimmere Dinge. Zum Beispiel die Frage, ob Gritt fit genug ist, sich der heutigen Herausforderung zu stellen. Aber nach einer weiteren schlaflosen Nacht liegen auch meine nerven blank. Nur gut, dass es endlich losgeht. Der Weg schlängelt sich nach dem neutralisierten Start entlang der typischen Südtiroler Obstwiesen. Schon nach ein paar Kilometern liegt das Tal unter uns. Am Anfang ist das Ganze noch angenehm, doch dann werden wir auf einem schmalen Weg entlang einer Almwiese geleitet. Das macht mir keinen Spaß. Stellenweise ist es rutschig und man findet keinen vernünftigen Rhythmus. Mal muss man gehen, weil es doch zu steil oder zu schmal wird, dann kann man wieder ein paar Meter rennen. Irgendwann sind wir dann wieder auf Asphalt unterwegs, passieren ein kleines Dorf und schon hören wir Sven, der am ersten Verpflegungspunkt noch für Party sorgt. Dann beginnt der gnadenlose Aufstieg zur Rappenscharte durch wegloses Gelände. Natürlich ist die Strecke bestens markiert, aber genauso gut könnte man sich gleich den Steilhang hochquälen, lägen da nicht die vielen losen Steine. A propos Steine, davon sollten wir heute wirklich genug zu sehen und zu spüren bekommen. Große Steine, kleine Steine, lose Steine, nach dem Hochplateau, das wir für eine kurze Verschnaufpause nutzen, begegnen sie uns und begleiten uns bis zum Gipfel. Aufgrund der bisherigen Anstrengung ist mein Gleichgewichtssinn nicht mehr das beste und ich finde keinen guten Halt auf den Felsbrocken, die uns im Weg liegen. Gritt stellt sich da schon wesentlich geschickter an. Immer wieder erarbeitet sie sich einen Vorsprung, den ich kaum aufholen kann. Nach den Felsbrocken kommt Geröll. Man macht einen Schritt vorwärts und rutscht gleich wieder zurück. Es ist so steil, dass wir praktisch senkrecht zum Berg stehen. Stehen bleiben ist natürlich ziemlich fatal, denn dann rutscht man gleich wieder ein hart erkämpftes Stück zurück. So geht es langsam vorwärts und endlich kommt Land in Sicht. Die Scharte ist erreicht. Ein schmaler Grat, ein kurzer Blick in die Ferne zeigt Nebelschwaden und Regenwolken. Also nichts wie runter. So steil wie es hoch ging, geht es auch wieder hinunter. Während ich mich hinunter stürze und mehr rutsche als laufe, macht Gritt ein wenig langsamer. Dafür ist sie weiter unten wieder schneller. Jeder Stein ist für mich eine potentielle Stolperfalle. Genau im Zeitlimit erreichen wir die letzte Verpflegungsstelle. Die nächsten 1400 Höhenmeter geht es über Forststraßen und eine Rodelbahn hinab ins Tal nach Schlanders. Es ist so steil, dass die Sehnen knirschen und die Knie schreien. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. 2000 Meter vor dem Ziel befinden wir uns wieder auf asphaltiertem Grund und laufen dem Ziel entgegen. Noch ein paar Schlenker durch Schlanders und wir sind nach knapp über 7:30h im Ziel. Jetzt trennen uns nur noch 29 Kilometer vom Ziel in Latsch und dem Finisher T-Shirt. Und wenn ich Gritt morgen über den Berg tragen muss, wir werden das Ding jetzt nach Hause laufen.
6. Etappe: Scuol – Mals, 37,02 Kilometer, 1332 Höhenmeter
5. Etappe: Scuol – Bergsprint, 6,19 Kilometer, 936 Höhenmeter
Glanzleistung: 2. Etappe: Lech – St Anton, 24 Kilometer, 2040 Höhenmeter
anspruchsvoll. Ohne Seil ist man hier wohl hilflos, also hangeln wir uns hinab in die Tiefe. In der zerklüfteten Felslandschaft helfen die Stöcke nicht wirklich weiter. Glücklicherweise hatten wir sie rechtzeitig im Rucksack verstaut. Endlich erreichen wir die zweite Verpflegungsstation auf der Ulmer Hütte. Bis hier haben wir nur knapp über 5 Stunden gebraucht und jetzt sind es nur noch 6,1 Kilometer bis ins Ziel. Die 1000 Höhenmeter im Abstieg absolvieren wir zumeist auf einer breiten Forststraße oder über wunderschöne Wiesen. Gritt muss noch ein nettes Fohlen begrüßen, das uns neugierig anschaut. Dann geht es weiter hinunter. Wir machen langsam, denn momentan sind wir guter Dinge, morgen noch einmal gemeinsam am Start zu stehen. Ins Ziel kommen wir nach 6:08h, was für uns eine Super Zeit ist. Wir haben noch einige Teams hinter uns gelassen. Gritt hat zwar alles gegeben und ist am Abend ziemlich am Ende, aber ich hoffe, dass sie sich bis morgen früh einigermaßen erholt hat. Es wäre wichtig, die dritte Etappe im Zeitlimit zu absolvieren. Dann steht bräuchten wir keine Angst mehr vor einem vorzeitige Aus zu haben.1. Etappe: Oberstdorf – Lech, 35.03 Kilometer - 2543 Höhenmeter
Transalpine Run – das Intro
Letzte Etappe: Niederdorf im Pustertal – Sexten, 33,88 Kilometer, 2120 Höhenmeter
Unser letzter Etappentag fängt suboptimal an. Das für halb
sieben bestellte Frühstück ist nicht fertig. Glücklicherweise hat Gritt
vorgesorgt und wir zwängen uns zwei Riesenbrötchen rein. Schon der Morgen
verspricht tolles Wetter. Unsere Laune am Start zur letzten Etappe verspricht ebenfalls
einen gelungenen Tag. Natürlich schmerzt die komplette Muskulatur, aber 34
Kilometer sitzen wir doch auf einer Pobacke ab. Von wegen!! Die letzte Etappe
hat es in sich. Wir laufen um acht Uhr los, immer mit der Meute mit. Ein
idyllischer Radweg führt uns an einem schönen See vorbei, über den sich der
Nebel wölbt. Nach rund 10 Kilometern überqueren wir eine Straße und erreichen
nach rund 1:04 Stunde den ersten Verpflegungspunkt. Bis hierher läuft
eigentlich alles
nach Plan, wenn die eingeschobenen Gehpausen nicht wären, die
ich einfach machen muss. Heute bin ich einfach leer. Die Luft ist ok, aber die
Muskulatur möchte nicht mehr arbeiten. Es folgt der Anstieg zur Lückelescharte
auf 2545 Meter. Wie schon gewohnt schlängelt sich der Weg zunächst sehr steil
durch ein Waldstück. Oben wird das Grün schließlich weniger, zumindest keine
schattenspendenden Bäume mehr. Wir befinden uns auf einem Hochplateau bevor es
über Geröll zum richtigen und letzten Anstieg kommt. Schon bis zum Hochplateau
habe ich massive Probleme. So langsam geht es wieder ein wenig besser und der
Anstieg zur Scharte verläuft besser als gedacht, wenn auch sehr langsam. Einige
Teams überholen mich und als ich wegrutsche und im steilen Geröllhang keine
Tritt finde, trampelt man einfach mal über mich hinüber. Die Abenteurer hier
haben es eilig und Solidarität oder Hilfe spielt angesichts des Kampfes um
Platzierungen keine Rolle. Daniel stapft vorne weg und wartet am höchsten
Punkt, den auch ich bald atemlos erreiche. Dann geht es erst einmal genau so
steil über ein Geröllfeld hinab. 500 Höhenmeter im Blindflug, auf dem wir
wieder einige Teams überholen, um wenig später wieder auf 2466 hoch zu
klettern. Ich bin außer Atem und kraftlos und wanke den wunderschönen Höhenweg
weiter. Der Wind pfeift uns um die Ohren, aber ich bin nicht mehr in der Lage,
einen klaren Gedanken zu fassen. Schritt für Schritt dem Ziel entgegen.
Schließlich erreichen wir eine seilgesicherte Passage, kurze Rast, weil
Wandertouristen die Engstelle einfach mal versperren. „Gehen sie doch einfach
mal zur Seite, sonst holen wir uns hier alle eine Lungenentzündung“ höre ich
Daniel. Ich klettere an einer wohl beleibten Dame vorbei, doch meine Hoffnung
damit den höchsten Punkt erreicht zu haben wird enttäuscht. Weiter hoch
schlängelt sich der schmale Pfad. Aber selbst in meinem miserablen Zustand kann
ich das Panorama genießen. Die drei Zinnen erheben sich vor uns und werden von
der mittäglichen Sonne angestrahlt. Immer wieder werde ich überholt, weil mein
Körper nicht mehr funktioniert. „Harald, willst Du vielleicht ein Gel oder ein
Powerbar, dann geht es Dir besser“ bietet mir eine Mitstreiterin an, der wohl
mein torkelnder Gang aufgefallen ist. Dankend nehme ich an und damit schaffe
ich es bir zur Dreizinnenhütte, wo die zweite Verpflegung auf uns wartet. Essen
kann ich nichts, ein Gel, ein paar Becher Powerbar und dann mache ich mich an
den Abstieg. Daniel hat sich, mehr Zeit gelassen, aber der holt mich sowieso
schon bald wieder ein. Jetzt geht es nur noch bergab. Auf den steinigen und
abschüssigen Passagen überholen wir wieder Teams, was mir Mut macht. Daniel
springt wie ein Bergfloh hinab, wartet und hüpft zum Erstaunen der Konkurrenz
in einem wahnsinnigen Tempo einfach weiter, um wieder auf mich zu warten. So
vergeht Kilometer um Kilometer und die letzte Verpflegungsstelle ist bald
erreicht. „Nur noch sechs Kilometer“ werden wir begrüßt, aber ich kann nicht
mehr gerade stehen und torkele mit Melone und Getränk einfach der Forststraße
weiter. In meinem Marathonschlappschritt
versuche ich keine Gehpausen zu machen, ist ja auch sinnlos so kurz vor dem
Ziel. Daniel ist immer 50 Meter voraus, was mich auf der einen Seite
frustriert, aber auch sehr motiviert trotz aller Schmerzen und
Kreislaufprobleme einfach in meinem Tempo weiter zu laufen. Die
Anfeuerungsversuche der Passanten prallen in meinem Laufnebel einfach ab. „Noch
ein Kilometer“ sehe ich den Streckenposten vor mir und ich laufe einfach
weiter. Ein Kilometer von knappen 300. Daniel feuert mich noch einmal an und
dann erreichen wir unter lautem Jubel von Zuschauern den Zielkanal. Gritt
drückt Daniel eine Flasche Sekt in die Hand und mit Sektdusche überqueren wir
die Ziellinie. Glücklich liegen wir uns in den Armen, nehmen die Medaille in
Empfang und freuen uns einfach über die vielen Gratulanten. Nach einem Liter
Cola geht’s auch dem Kreislauf wieder besser und jetzt werden wir noch einmal
richtig Gas geben. Heute abend auf der Finisher-Party werden wir feiern. Es war
eine harte Tour und wir können nur davon abraten, den Transalpine Run auf die
leichte Schulter zu nehmen. Es ist ein hartes Rennen mit einer hohen
Ausfallquote. Ich habe es zum dritten Mal geschafft, Daniel feiert seine
Premiere und wird wohl nicht mehr am Start stehen. Jetzt hat unser Tagebuch ein
Ende, unser Lauf auch und wir sind es jetzt erst einmal auch. Goodbye und Keep
on Running!


